Newsticker
Trio Anderscht - Eidg. dipl. Hackbrett-Trio
Das ganze Land spricht vom Aufbruch in der Schweizer Volksmusik. Die Ostschweiz steht dabei keineswegs abseits. Auf leisen Sohlen etabliert sich ein Hackbrett-Trio in der Szene und macht dabei alles «anderscht».
«Eidgenössisch diplomiert» heisst die zweite CD des Trios, das vieles getan hat - nur nicht Musik studiert. «Wäre Anderscht anderscht, wenn es anders wäre?» Eine fraglos berechtigte Frage, würde man den Zusammenhang kennen. «Anderscht» erklärt es so: «Vor sieben Jahren war es noch nicht möglich, an einer Musikhochschule Hackbrett zu studieren.» Fredi Zuberbühler und Andrea Kind haben das Hackbrettspiel trotzdem spielend zur Perfektion gebracht und blieben volksmusikalisch undiplomiert. «Eidgenössisch diplomiert» heisst der Titel ihrer zweiten CD dennoch, was nicht gelogen sei, so Zuberbühler. Die Diplome hat sich das Trio anderswo verdient. «Ein Diplom hat jeder von uns», sagt Fredi Zuberbühler, «Andrea Kind hat eins als Dentalassistentin, Baldur Stocker als Schreiner und ich als Metzger!»

Suchen den Crossover: Baldur Stocker, Andrea Kind und Fredi Zuberbühler (v. l.)
Noch immer Geheimtip
Nach sieben Jahren und zwei Studioalben hat sich das Ostschweizer Trio «Anderscht» in der einschlägigen Szene einen Namen geschaffen. Nicht nur wegen des derzeitigen Hackbrettbooms, sagt Zuberbühler, «sondern weil wir die Grenzen der Volksmusik überschreiten.» Wurde auch Zeit, denn seit je wird das Hackbrett mit Volksmusik in Zusammenhang gebracht. Als Psalter hat es einst seine Reise aus Persien bis nach England angetreten, und mit den Siedlern kam es schliesslich auch in die USA. In den Staaten des europäischen Ostens, vor allem Ungarn, wird Hackbrett gespielt, und auch an China ist es nicht spurlos vorübergegangen. Im 19. Jahrhundert schaffte es das besaitete Brett sogar in die klassische Musik.
Durchbruch blieb aus
Doch der Durchbruch in der Klassik blieb aus. Auch in der Schlager- und Popwelt war ihm kein Erfolg beschieden, trotz Rapper Bligg (siehe Kasten). Das Hackbrett blieb der Volksmusik vorbehalten. Eine ordentliche Appenzeller oder Toggenburger Streichmusik ist nämlich ohne Hackbrett undenkbar. «Die Streichmusikerfahrungen haben wir auch gemacht», sagt Zuberbühler, «doch wurden wir nie richtig glücklich dabei.» Doch nicht das Hackbrett, sondern ein Chorprojekt in Vladimir (Russland) hat Kind und Zuberbühler 2004 zusammen gebracht.
Anders machen
Daraus entstand «Anderscht». «Weil wir es anders machen wollten», sagt Kind, «nichts wird tabuisiert, nichts konserviert – alles lebt.» Das Publikum liebt's. Kind und Zuberbühler mischen locker Improvisationen, Walzer, Jazz und Traditionelles und lassen alles im Stück «Aegypts den sowas» kulminieren. Die Titelliste der ersten CD «Saitensprung» enthält Stücke wie «Mardochai», «Take Five» oder das Thema aus Smetanas «Moldau». Auf «Eidg. dipl.» wirds noch wilder. Aus dem Walzer «Rauschen an der Sitter» von Anton Moser wird «Smoke on the Water» (Deep Purple) und der «Winter» von Vivaldi löst den «Blue Bossa» ab. Zuberbühler: «Das bringt Leben, da bleibt das Ohr offen!» – «Wir wollen uns nicht einordnen lassen», sagt Bassist Baldur Stocker. Er kommt übrigens aus der Jazzecke.
Wir brauchen tiefe Töne
Für derartige Crossovers reichte das althergebrachte Hackbrett nicht aus. Zuberbühler: «Wir brauchen tiefe Töne, deshalb haben wir zwei neue Instrumente nach unseren Plänen bauen lassen.» Im Hackbrett stecke noch viel Potenzial, meint der Tüftler und Autodidakt. Das nächste Hackbrett wird ihm Baldur Stocker bauen, der Schreiner im Trio und eben geadelter Werkstattchef des Toggenburger Hackbrettateliers in Alt St. Johann. «Dort wird die Entwicklung im Hackbrettbau weitergehen. Spezialisten aus der ganzen Schweiz werden versuchen, es anders zu machen», sagt Stocker. So wie «Anderscht» es anderscht macht.
Text: Michael Hug
Bild: Ralph Ribi
Datum: 22.02.2011 08:57




